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Lemberg sucht den Anschluss an Westeuropa

Thüringen und das Lemberger Gebiet in der Ukraine liegen zwar weit auseinander, weisen jedoch überraschend viele Ähnlichkeiten auf. Eine ungewöhnliche Regionalpartnerschaft könnte sich für die Ukrainer als Hilfe auf ihrem Kurs Richtung Westen erweisen.

„Erfordia turrita“ nannte Martin Luther einst die turmreiche Stadt Erfurt, deren zahlreiche Kirchen die Stürme der Zeit allesamt wie durch ein Wunder unbeschadet überstanden haben. Als weniger stabil erwies sich die architektonische Hinterlassenschaft aus der DDR-Zeit, während der am Rande des alten Erfurt in wenigen Jahren ganze Plattenbausiedlungen fertig gestellt wurden.

Die von Abriss verschonten Hochhäuser aus Fertigteilen, wie man sie überall in Ost- und Mitteleuropa findet, werden jetzt nach und nach saniert. Dafür ersannen die Baufirmen eine ausgefallene Technik, die den meisten Bewohnern während der Dauer der Sanierung den lästigen Umzug erspart: Nur Wohnungen, die gerade erneuert werden, müssen geräumt werden.  Sind die Arbeiten abgeschlossen, ziehen die Bewohner wieder ein und der Bautrupp nimmt sich bei diesem Stufenprogramm die nächste Etage vor.

Dieser Kniff erweckte vor einiger Zeit in besonderem Masse das Interesse einer offiziellen Delegation aus der westukrainischen Grossstadt Lviv (Lemberg), deren Region mit dem Freistaat Thüringen seit zwei Jahren in einer ungewöhnlichen Regionalpartnerschaft verbunden ist. Fachkräfte der öffentlichen Verwaltung beteiligen sich bei gemeinsamen Tagungen an einem Erfahrungsaustausch zwischen einer westlichen und östlichen Region, die nicht der EU angehört.

Von der gemeinnützigen deutschen Hertie Stiftung anregt und finanziell unterstützt, soll die Partnerschaft sicherstellen, dass die Lemberger Regionalverwaltung mit westlichem Verwaltungswissen vertraut gemacht wird. Vertreter mehrerer Thüringer Ministerien erhalten im Gegenzug die Möglichkeit, über den eigenen Tellerrand zu blicken und nachzuvollziehen, unter welchen Schwierigkeiten der laufende Umbau der öffentlichen Verwaltung im Lemberger „Oblast“ (Region) vonstatten geht.

Kopfzerbrechen bereitet dort vor allem die Sanierung von Gebäuden zu Wohnzwecken. Die Partnerregion Thüringen, zu DDR-Zeiten Standort des volkseigenen Betriebs BMK (Bau- und Montagekombinat), „hat ein Modell entwickelt, mit dem sich Wohnraum zügig und kostengünstig erneuern lässt“, berichtet der Architekt Mykola Habrel von der Polytechnischen Hochschule Lemberg. Gegenwärtig lassen sich Mitarbeiter westukrainischer Baufirmen bei Fortbildungskursen mit dieser Technik vertraut machen.

Die Zeit drängt: 2008 liegt der Bedarf an angemessen erneuerter Wohnfläche in der gesamten Ukraine, die 52 Millionen Einwohner zählt, bei zehn Millionen Quadratmetern.

Die Ukraine ist da, wo Thüringen 1990 stand

Habrel verweist auf augenfällige Ähnlichkeiten zwischen den verschwisterten Regionen. „Thüringen zählt zu den neuen Bundesländern, die den Transformationsprozess, den wir gegenwärtig in der Ukraine bewältigen müssen, bereits durchlaufen und wertvolle Erfahrungen gesammelt haben. Wir sind da, wo Thüringen 1990 stand“.

Als Region, die früher Bestandteil eines kommunistischen Landes war, musste auch der heutige Freistaat seinen Worten zufolge „über Nacht“ den Einbruch der Marktwirtschaft mit ihren unerwarteten Folgen verkraften: Relativ schnell rief der Zusammenbruch staatseigenen Unternehmen eine hohe Arbeitslosigkeit hervor, ausgedehnte Industriebrachen ohne Zukunft blieben zurück. Hinzu kam eine massive Abwanderung, die dazu führte, dass Wohngebiete verwaisten und einst gut frequentierte Einrichtungen, wie Kindergärten, Schulen oder Spitäer, bald nicht mehr benötigt wurden.

Aber auch landschaftlich und städtebaulich ähneln sich die zwei Regionen verblüffend stark: Sowohl das „grüne Thüringen“ als auch die im Karpatenbogen liegende Region Lemberg zeichnen sich durch viel Natur und Gebirge aus, kleinere Städte prägen das Bild. Zudem  besitzen sie jeweils rund 2,5 Millionen Einwohner und auch hinsichtlich der Fläche, die in Thüringen 16 100 Quadratkilometer und im Lviver Oblast 21 000 Quadratkilometer beträgt, passen die Regionen gut zueinander.

Wie das natürliche Potential beider Regionen für die Erholung genutzt werden kann, spielt in den wirtschaftlichen Entwicklungsszenarien Thüringens und Lembergs eine tragende Rolle.

Seit Jahren besitzt Thüringen, das sich ein eigenes Europaministerium leistet, ein enges Netz mit mehreren Regionen in den alten EU, auch Polen, Tschechien und Ungarn gehören inzwischen dazu.

Dass nun eine Region in einem Nicht-EU-Land hinzugekommen ist, beurteilt Thüringens ehemaliger Europaminister und jetziger Chef des Erfurter Ministeriums für Bau, Landesentwicklung und Medien, Gerold Wucherpfennig, als Chance. „Der Austausch von Verwaltungsfachkräften ist ein wichtiger Beitrag zur europäischen Integration, die mit der Aufnahme der ukrainischen Partnerregion jetzt nicht mehr an den EU-Aussengrenzen endet. Das betont die Rolle der Regionen als Bausteine eines Europa von unten“, sagt
Wucherpfennig.

Die Alte Wache als Schaltstelle der Zusammenarbeit

Als Schaltstelle für diese Programme dient das historische Gebäude der Alten Wache gegenüber der spätbarocken Staatskanzlei. Als schwierigstes Unterfangen habe sich die Koordination der einzelnen Ministerien erwiesen, erinnert sich Detlef Wahl vom „Thüringer Institut für Akademische Weiterbildung“. Die Nichtregierungsorganisation sorgt mit dem nötigen Nachdruck dafür, dass sich die Beteiligten über Behördengrenzen immer wieder mit den gemeinsamen Projekten auseinandersetzen und sie am Leben erhalten.

In der Alten Wache befindet sich auch die Thüringer Dépendance der „Europäischen Akademie der Regionen“ (EAR), die ebenfalls von der Hertie-Stiftung, die Schritte zur europäischen Integration als Stiftungsziel verfolgt, aufgebaut wurde. Als virtuelle Plattform bietet die EAR mittleren und höheren Bediensteten auf der Regionalebene an praktischen Fragen orientierte Fortbildungskurse an. Thüringer und Ukrainer beschäftigen sich in diesem Jahr mit unter anderem mit der Förderung klein- und mittelständischer Unternehmen, Stadterneuerung und Schritten zum Naturschutz. In diesem Sommer stand die Raumplanung im Vordergrund.

„Thüringen hat im Verlauf der 1990er Jahre umfassende Unterstützung aus den alten Bundesländern bekommen, diese Hilfe dauert auch heute noch an. Unsere Erfahrungen während dieser schwierigen Phase können den ukrainischen Partnern dabei helfen, Fehler zu vermeiden“, berichtet Thomas Walter vom Ministerium für Bau, Landesentwicklung und Medien. Als Raumplaner hat er sich mehrfach an Arbeitsaufenthalten in der Region Lemberg beteiligt. Er spricht begeistert von einer „Aufbruchstimmung, die den ganzen Westen der Ukraine erfasst hat“. Längerfristig sieht Thomas Walter gute Chancen, über die Regionalpartnerschaft in der Partnerregion attraktive Perspektiven für Thüringer Unternehmen zu erschliessen.

In Lemberg ist bisher von Aufbruchstimmung noch wenig zu spüren

Von dieser Aufbruchstimmung ist in der regionalen Raumplanungsbehörde in Lemberg zunächst noch nicht viel zu spüren. Obgleich das alte Lemberg, dessen Prachtbauten offensichtlich an der Wiener Ringstrasse orientiert wurden, seit einem Jahrzehnt auf der Unesco-Welterbeliste steht, hat sich die Infrastruktur bisher kaum verbessert, die Gebäuderenovation schreitet kaum voran und die Strassen sind keine Spur besser als 1998- Dieser Stillstand lässt sich auch bei der Verwaltung beobachten.

„Es fällt uns immer noch schwer, für diese Aufgaben geeignete Mitarbeiter zu finden. Überwiegend kommen unsere jungen Mitarbeiter von der Universität, sie bringen keine praktische Erfahrung mit“, klagt Ivan Olinek vom Raumplanungsamt, das für die Arbeiten in der gesamten Region über 21 Mitarbeiter verfügt.

Deswegen verspricht sich er sich viel von den Fortbildungskursen für Raumplaner, die seine Region mit Thüringen aufgebaut hat. Weil im öffentlichen Dienst der Ukraine geringere Saläre angeboten werden als in der Wirtschaft, „springen viele Qualifizierte schliesslich ab und gehen zu einem privaten Unternehmen“, fügt er hinzu. Seit der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 seien zwar die Regionen der Landes mit mehr Vollmachten ausgestattet worden, „die Kiewer Zentralverwaltung hat ihre Vorrangstellung auch bei der Raumplanung nicht aufgegeben, ausserdem sind wir finanziell zu schwach ausgestattet“, sagt Olinek.  

Für die weitere Raumplanung seines Amtes sind seinen Worten nach dennoch die Weichen bereits gestellt: „Wir müssen die Bürger an den Entscheidungen beteiligen. In früheren Zeiten hat man sich darum nie geschert, jetzt aber ist uns mit Blick auf die Thüringer Erfahrungen klar geworden, dass wir die Zukunft ohne Einbindung der Betroffenen nicht sinnvoll gestalten können“, meint er. Besonders wichtig für seine Region sind mehrere Tourismusvorhaben im gebirgigen Grenzgebiet zu Polen. „Dort geht es darum, die Zonen für die verschiedenen Nutzungen, also für Gewerbe,  Landwirtschaft und für Wohnzwecke in Absprache mit den Betroffenen klar festlegen.“ Es steht aber noch viel mehr auf dem Spiel: „Erst wenn für die Zukunft Planungssicherheit vorhanden ist, können wir Investoren für unsere verschiedenen Projekte gewinnen“, fügt Ivan Olinek hinzu.

Schliesslich kommt der Chefplaner auf die historische Rolle der Westukraine zu sprechen. Die Landschaft Galizien mit ihrer Hauptstadt Lemberg „war mit ihrer Vielfalt über Konfessions- und Kulturgrenzen hinweg Jahrhunderte lang  ein fester Bestandteil Europas. Wir sind das Fenster zum europäischen Westen, dem wir uns als zugehörig empfinden“.    

Thomas Veser

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